
Von links nach rechts: Mike Rexforth (Bürgermeister der Gemeinde Schermbeck), Christoph Beemelmans (RVR Ruhr Grün), Juliane Saebel (RVR Ruhr Grün), Tobias Basse (Schulleiter der Grundschule Schermbeck), Katharina Zentgraf (RVR Ruhr Grün), Ellen Weber (Fachbereichsleitung Ordnung, Soziales & Schule Gemeinde Schermbeck), Carolyn Mrotzek (LAG Lippe-Issel-Niederrhein e.V.), Antonia Lütkenhaus (Wald und Holz NRW Regionalforstamt Niederrhein)
Ab in den Wald statt vor den Bildschirm - Schermbecker Grundschüler entdecken die Natur
Von Aileen Kurkowiak
28.9.2026 Schermbeck. Raus aus dem Klassenzimmer, weg vom Bildschirm und hinein in den Wald: Für die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsgrundschule Schermbeck beginnt in diesen Tagen ein besonderes Unterrichtsprojekt. Künftig wird der Wald für rund 280 Kinder aus den ersten und zweiten Klassen regelmäßig zum Lernort. Nicht als einmaliger Ausflug, sondern als fester Bestandteil des Schulalltags.
„Wenn wir die Natur schützen wollen, dann müssen wir sie verstehen und das so früh wie möglich“, sagt Grundschulleiter Tobias Basse. Genau hier setzt das neue Projekt an, das gemeinsam mit der Gemeinde Schermbeck, dem RVR Ruhr Grün und Wald und Holz NRW auf die Beine gestellt wurde.
Die Idee dazu hatte Basse bereits vor einigen Jahren. Seit er vor vier Jahren die Leitung der Gemeinschaftsgrundschule übernommen hat, beschäftigt ihn die Frage, wie Kinder wieder stärker mit der Natur in Kontakt gebracht werden können. Auch die positiven Erfahrungen seiner eigenen Kinder mit Naturerlebnissen bestärkten ihn darin. Zwar habe es an der Schule immer wieder einmal Ausflüge einzelner Klassen in den Wald gegeben, erzählt Basse. Doch nach solchen Einzelaktionen sei der Effekt häufig schnell wieder verpufft. „Viel nachhaltiger sind regelmäßige Waldtage“, ist er überzeugt.
14 Mal Wald statt vier Wände
Mit dieser Idee lief der Schulleiter bei der Gemeinde Schermbeck offene Türen ein. Es wurde geplant, kalkuliert und organisiert. Mit Revierförster Christoph Beemelmans vom RVR Ruhr Grün, dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW und weiteren engagierten Fachleuten fanden sich schnell Partner, die das gleiche Ziel verfolgen: Kinder für die Natur zu begeistern und ihnen gleichzeitig Wissen über den Lebensraum Wald zu vermitteln.
Für die Mädchen und Jungen bedeutet das konkret: Bis zu den Sommerferien geht jedes Kind insgesamt 14 Mal in den Wald. Bei der fünfzügigen Gemeinschaftsgrundschule profitieren davon rund 280 Kinder.
Die einzelnen Termine sind dabei nicht einfach lose Ausflüge. Sie bauen aufeinander auf und führen die Kinder Schritt für Schritt tiefer in die Welt des Waldes hinein. „Das ist besonders positiv, weil wir nach den jeweiligen Ausflügen in den Wald aufeinander aufbauen können“, erklärt Juliane Saebel vom RVR Ruhr Grün. Das regelmäßige gemeinsame Erleben hat noch einen weiteren Effekt: Die Waldtage stärken die Klassengemeinschaft. Gemeinsam Spuren suchen, Tiere beobachten, Pflanzen entdecken oder bei einer Pflanzaktion mit anpacke all das sind Erfahrungen, die außerhalb des gewohnten Klassenraums stattfinden.
Lernen mit allen Sinnen
Im Mittelpunkt steht das unmittelbare Erleben. Die Kinder sollen den Wald nicht nur erklärt bekommen, sondern ihn mit allen Sinnen entdecken. Sie beobachten, hören, fühlen, stellen Fragen und werden selbst aktiv. Über das Schuljahr verteilt sind sieben aufeinander aufbauende Thementage je Klassenstufe vorgesehen. Die rund zweieinhalbstündigen Einheiten finden an unterschiedlichen Wald- und Lernorten statt. Dabei geht es beispielsweise um Orientierung und Tierspuren, die heimische Tier- und Pflanzenwelt, Artenvielfalt, Totholz und Naturschutz. Die Kinder lernen Wildtiere und Greifvögel kennen und erhalten altersgerechte Einblicke in Jagd und Beizjagd (Jagd mit einem abgerichteten Greifvogel wie Falken, Habichten oder Adlern auf freilebendes Wild). Auch der verantwortungsvolle Umgang mit Hunden im Wald gehört zum Programm.
An anderen Tagen wird selbst Hand angelegt: Bei Pflanzaktionen können die Schülerinnen und Schüler mitmachen und erfahren dabei, wie nachhaltige Forstwirtschaft funktioniert. Sie lernen, warum Holz ein wichtiger nachwachsender Rohstoff ist und welche unterschiedlichen Lebensräume ein Wald bieten kann. Auch Bienen und der Schutz von Insekten spielen eine Rolle. Ein besonderer Lernort ist die „Neue Wildnis“ im Dämmerwald. Dort lässt sich Natur- und Artenschutz unmittelbar beobachten. Die Kinder können erleben, wie sich besondere Lebensräume entwickeln – und dass Natur nicht immer dort entsteht, wo alles ordentlich und aufgeräumt aussieht.
Mehr Natur vor der eigenen Haustür
Hinter dem Projekt steckt auch die Erkenntnis, dass unmittelbare Naturerlebnisse für viele Kinder längst nicht mehr selbstverständlich sind. Der Wald soll deshalb wieder stärker Teil des normalen Schulalltags werden – und zwar ganz praktisch vor der eigenen Haustür.
Der RVR Ruhr Grün und Wald und Holz NRW bringen dafür ihre fachliche Expertise ein. Waldpädagogik, Natur- und Umweltschutz sowie Forstwirtschaft werden nicht abstrakt im Unterricht vermittelt, sondern direkt dort, wo die Themen sichtbar und erlebbar sind. Die Waldtage finden unter anderem auf Flächen wie dem ehemaligen Schulwald in der Üfter Mark statt.
Ganz ohne finanziellen Aufwand lässt sich das Projekt allerdings nicht stemmen. Die Fachleute von RVR Ruhr Grün und Wald und Holz NRW stellen ihre Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung. Dahinter steht die Überzeugung, dass Bildung für Kinder zugänglich sein muss. Kosten entstehen vor allem für den Transport und die benötigten Materialien. Insgesamt mussten dafür mehr als 40.000 Euro zusammengetragen werden. Ein Förderantrag der Gemeinde an das Land brachte schließlich die notwendige Unterstützung. Der im Rat beschlossene Eigenanteil von 30 Prozent wird von der Gemeinde übernommen. Damit ist die Finanzierung zunächst bis einschließlich 2029 gesichert.
In der kommenden Woche fällt der Startschuss für die ersten Waldtage. Dann werden aus Schülerinnen und Schülern kleine Naturforscherinnen und Naturforscher, ausgestattet nicht mit Tablets und Arbeitsblättern, sondern mit offenen Augen, neugierigen Fragen und jeder Menge Wald vor der Nase.