
„Vertraue dem Prozess des Lebens“: Miriam Höller kehrt für ihren Vortrag nach Schermbeck zurück
Von Julian Schäpertöns
19.10.2026. Schermbeck. Bei ihrem Auftritt in ihrer alten Heimat erzählt die ehemalige Stuntfrau von Erfolg, schweren Schicksalsschlägen und dem Mut, das eigene Leben neu auszurichten
Miriam Höller dachte, sie sei auf alles vorbereitet. Darauf, aus Flugzeugen zu springen, sich anzünden zu lassen oder für einen spektakulären Stunt an einem Helikopter zu hängen. Mutig, taff und scheinbar furchtlos wirkte die Schermbeckerin. Doch auf das, was dann kommen sollte, konnte sie niemand vorbereiten: das Leben selbst.
Zwei Schicksalsschläge stellten für Miriam innerhalb kürzester Zeit alles auf den Kopf. Ein schwerer Unfall beendete ihre Karriere als Stuntfrau, wenig später verlor sie ihren Lebenspartner Hannes Arch bei einem Hubschrauberabsturz. Plötzlich war nichts mehr planbar. Gesundheit, Beruf, Liebe, Zukunft – gleich mehrere Säulen ihres Lebens brachen weg.
Heute weiß Miriam Höller: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotzdem weiterzugehen. Und vor allem hat sie gelernt, dass man niemals wirklich bereit sein kann für das, was das Leben bereithält. „Vertraue dem Prozess des Lebens“ lautet die Botschaft, die sie aus ihren Erfahrungen gezogen hat und die sie am Sonntagabend (18. Oktober) im Schermbecker Rathaus mit ihrem Publikum teilte.
Zurück in der Heimat
Viele Menschen im Publikum kennen Miriam noch aus ihrer Zeit in Schermbeck. Familie, Freunde, ehemalige Weggefährten und Bekannte sind gekommen, um ihre Geschichte zu hören. Für die Schermbeckerin ist dieser Abend deshalb etwas anderes als ein gewöhnlicher Auftritt vor großem Publikum. „Ich kenne das ja, diese Aufgeregtheit, bevor du dann auf die Bühne gehst. Aber hier in der Heimat ist es noch mal was anderes“, gibt sie zu. Ihre Oma, ihre Tante, ihr Bruder. Viele Menschen, die sie schon seit ihrer Kindheit begleiten, sitzen im Saal. Es sind Menschen, deren Geschichten sie kennt und die auch ihre eigene Geschichte kennen.

Ein leeres Notizbuch und viele Fragen
Doch Miriam will an diesem Abend nicht nur erzählen. Sie fordert ihr Publikum auf, sich selbst mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Auf den Plätzen liegt ein Notizbuch. Darin sollen die Besucher Fragen festhalten, die sie noch über den Abend hinaus beschäftigen. „Was ist dein nächster mutiger Schritt?“ „Wofür willst du kämpfen?“ Oder: „Was war der schmerzhafteste Moment in deinem Leben?“
Für Miriam ist die Antwort auf die letzte Frage überraschend weit zurück in ihrer eigenen Geschichte zu finden. Sie erzählt von einer Scheunenparty in Schermbeck, als sie 17 Jahre alt war. Dort erwischte sie ihren damaligen Freund mit einer anderen Frau. Noch schmerzhafter war für sie die Erkenntnis, dass ihre gesamte Clique längst von dem Betrug wusste. Miriam fühlte sich nicht nur von ihrem Freund, sondern auch von ihren Freunden im Stich gelassen. Sie war wütend, verletzt und verstand die Welt nicht mehr.
Heute blickt sie anders auf diesen Moment zurück. Vielleicht war diese Wut auch ein Antrieb, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und ihren eigenen Weg zu suchen. Sie wollte raus aus Schermbeck, etwas erleben, Grenzen austesten.
Mit 18 Jahren wurde aus ihrem Kindheitstraum Actionheldin zu werden schließlich Realität: Miriam erhielt ihr erstes professionelles Engagement als Stuntfrau im Movie Park. Später gründete sie ihr eigenes Stuntteam, arbeitete für Fernsehen und große Marken, war bei „Germany’s Next Topmodel“ zu sehen und moderierte das Motormagazin „GRIP“. Aus dem Mädchen aus Schermbeck war eine der bekanntesten Stuntfrauen Deutschlands geworden.
Doch dann änderte ein Unfall alles. Bei einem Helikopter-Stunt brach sie sich beide Füße schwer. Ihre Karriere als Stuntfrau schien beendet. Während sie noch mit den Folgen des Unfalls kämpfte, traf sie der nächste Schicksalsschlag: Ihr Lebenspartner Hannes Arch kam bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Innerhalb kürzester Zeit verlor Miriam ihre Gesundheit, ihren Beruf und den Menschen, mit dem sie ihre Zukunft geplant hatte.
Wie schafft man es, nach solchen Erlebnissen wieder aufzustehen? Genau diese Frage steht im Mittelpunkt ihres Vortrags. Miriam erzählt nicht von einem einfachen Weg zurück ins Glück. Sie berichtet von Wut, Trauer, Verzweiflung und der Erkenntnis, dass sie Hilfe annehmen musste. Ihre Familie war dabei eine wichtige Stütze.

„Vertraue dem Prozess des Lebens.“
Ein Satz ihres Freundes Hannes Arch begleitet sie bis heute: „Vertraue dem Prozess des Lebens.“ Für Miriam bedeutet das nicht, Schicksalsschläge einfach hinzunehmen. Es bedeutet vielmehr, darauf zu vertrauen, dass sich das Leben auch nach einem schweren Einschnitt neu entwickeln kann. Statt immer nur zu fragen, warum etwas passiert ist, müsse man irgendwann fragen: Wofür kann es gut sein?
Diese Haltung zieht sich durch ihren gesamten Vortrag. Sie spricht darüber, wie wichtig es ist, die eigene Zeit bewusst zu nutzen, dankbarer zu sein und sich nicht ausschließlich über Beruf, Gesundheit, Beziehungen oder Besitz zu definieren. Vor allem aber fordert sie ihr Publikum auf, selbst aktiv zu werden: „Rette dich selbst“, lautet eine ihrer Botschaften. Andere können helfen – die ersten Schritte müsse man jedoch selbst gehen.
Zwar steht Miriam Höller heute nicht mehr als Stuntfrau vor der Kamera, doch sie hat einen neuen Weg gefunden, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Ihre Geschichte hat sie in ihrem Spiegel-Bestseller „Das Leben ist ungerecht: Und das ist gut so“ festgehalten. Auf der Bühne ermutigt sie heute andere Menschen, auch nach schweren Rückschlägen wieder aufzustehen, neue Wege zu gehen und dem Prozess des Lebens zu vertrauen. Miriam Höller zeigt, dass ein Leben nach einem schweren Schicksalsschlag nicht mehr dasselbe sein muss wie zuvor. Es kann ein anderes werden. Vielleicht sogar ein bewussteres.
Am Ende gibt es nicht nur Applaus, sondern auch einen konkreten Beitrag für Menschen, die selbst schwere Zeiten durchmachen. Insgesamt sind 3400 Euro für die Familientrauerbegleitung Lavia in Gelsenkirchen und das Superhelden-Team Schermbeck durch die Ticketerlöse zusammengekommen.

