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Kleine Schulen haben enorme Vorteile für Kinder

29.1.2020 Schermbeck. Antwort der Bürgerinitiative „Zwei Grundschulen für Schermbeck“ auf den Leserbrief von Ilka und Ingo Consten aus Schermbeck.

Wenn in der Diskussion um die Schermbecker Grundschulen die Gegner eines Erhalts der beiden Standorte wieder einmal mehr den Abriss der beiden Gebäude und einen kostspieligen Neubau als alternativlos hinstellen, hilft vielleicht der Blick nach Dorsten: Dort gibt es einen sehr gut – sogar über eine weitaus größere Entfernung als in Schermbeck – funktionierenden Grundschulverbund: Seit dem Schuljahr 2014/2015 ist die Grundschule Deuten katholischer Teilstandort der Wilhelm-Lehmbruck-Schule in Dorsten Östrich.

Und das klappt! Sogar gut. In seltenen Vertretungsfällen pendeln die Lehrer – und zwar nicht nur 750 Meter wie in Schermbeck – zwischen den beiden Standorten. Offenbar organisatorisch kein Problem in der Nachbarstadt, der Schulalltag im Grundschulverbund hat sich trotz der relativ großen räumlichen Distanz bestens eingespielt. Wenn er im mittlerweile fünften Jahr nicht funktionieren würde, wäre dieser Grundschulverbund wohl längst wieder aufgehoben worden. Tipp für Schermbeck, wenn dies organisatorisch notwendig erscheint, weil die Schulleiterin nicht an beiden Grundschulstandorten gleichzeitig sein kann: Einfach die Verantwortung aufteilen, etwa über eine Konrektorenstelle für den Teilstandort. Dann verringert sich die Pendelei für die Schulorganisation schon einmal erheblich.

Modernes Lehrkonzept auch ohne Abriss und Neubau

Ohnehin scheinen nur wenige Fachlehrer ab und zu am jeweils anderen Standort einspringen zu müssen. Die Klassenlehrer sind ja auch die meiste Zeit an ihre eigene Klasse gebunden und können nicht zur gleichen Zeit als Vertretung am anderen Standort einspringen. Bei allem Respekt für die hervorragende Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer darf zudem der Gedanke gestattet sein, ob die individuell jeweils sicherlich als lästig empfundene Ab-und-zu-Pendelei einiger weniger Betroffener auch angesichts des tief im Minus befindlichen Gemeindehaushalts eine Investition im zweistelligen Millionenbereich tatsächlich rechtfertigen kann. Ein paar E-Scooter wären für die Distanz von 750 Metern, die sich zu Fuß innerhalb von rund sieben Minuten bewerkstelligen lässt, in jedem Fall die nachhaltigere Lösung. In großen Industrieunternehmen legen Werksmitarbeiter allein auf dem Betriebsgelände in der Regel ganz andere Distanzen zurück.

Übrigens: Die Grundschule Deuten ist in Dorsten zudem die erste Schule, die ein modernes jahrgangsübergreifendes Lehrkonzept (kurz JüL) einführt hat. Und zwar nicht mit einem Neubau, sondern mit Umnutzungen von Räumen und geringen Umbauten. Letztlich aber einfach mit dem vorhandenen Gebäude. Das geht also auch: neue Lehrkonzepte umsetzen, ohne dafür gleich abreißen zu müssen. So haben es auch die Schulexperten von biregio in ihrem Schulentwicklungsplan (SEP) für Schermbeck empfohlen: „Wenn über den bisherigen Stand des Ganztags sowie über heutige moderne pädagogische Arbeitsformen in den Grundschulen der Gemeinde Schermbeck hinaus markante Anpassungsschritte notwendig werden, können für diese in der Regel Räume aus dem Bestand akquiriert werden, was teuren Zubauten und dem Invest in neue Flächen vorzuziehen wäre“, heißt es dort unmissverständlich. Und es stimmt: Einer zweiten Klasse am „katholischen Teilstandort“ etwa stehen gleich mehrere Räume zur Verfügung – für verschiedenste Zwecke wie Gruppenarbeiten. Immerhin war die Schule mal vierzügig, außerdem sind die OGS-Räume vormittags ungenutzt.

Kleine Schulen als Standortvorteil

Aber zurück zum Dorstener Grundschulverbund: Die Wilhelm-Lehmbruck-Schule wiederum ist laut Selbstbeschreibung „eine wunderschöne, kleine Schule im Grünen von Dorsten-Östrich“. In Dorsten sieht man kleine Schulen offenbar noch als vorteilhaft an – auch seitens der Schulleitung. Dort gelten überschaubare, familiäre Grundschulen als Standortvorteil. In Schermbeck will die Verwaltung die bewährte Grundschullandschaft dagegen grundlegend hin zu einer großen Grundschule verändern. Hat man die Bürger Schermbecks gefragt, ob sie darin einen Vorteil sehen? Nein.

Randnotiz zum Thema Verbundschule: Den nur für kurze Zeit eingerichteten Grundschulverbund aus Bonifatius- und Antoniusschule in Dorsten-Holsterhausen hat die Stadt Dorsten zum laufenden Schuljahr wieder aufgehoben. Es hat sich hier in der Praxis nicht als vorteilhaft erwiesen, eine große Grundschule zu verwalten, zumal die Schülerzahlen sich als stabiler als zunächst prognostiziert entwickelten. Aus den Fehlern und Erfahrungen der Nachbarstadt darf man ruhig lernen. Auch in Schermbeck bleiben die Schülerzahlen stabil oder steigen möglicherweise sogar – jedenfalls ist laut dem Schulentwicklungsplan (SEP) für Schermbeck auf sehr lange Sicht nicht abzusehen, dass ein Standort mangels Nachwuchs in die Einzügigkeit fallen würde. Dass die Schülerzahlen eher steigen, deutet sich bereits in den zunehmenden Geburtenzahlen im Kreis Wesel und der Notwendigkeit an, einen neuen Kindergarten in Schermbeck zu bauen. Der lässt sich übrigens nicht in den Neubauten der ehemaligen Maximilian-Kolbe-Schule realisieren, wie Bürgermeister Mike Rexforth als Kompromiss vorschlug, als sich einige Ratsmitglieder fragten, warum die Verwaltung teilweise gerade einmal zehn Jahre alte Gebäude abreißen möchte. Die Schulgebäude sind jedoch gebäudetechnisch naturgemäß für einen Schulbetrieb vorgesehen und bieten nicht die für einen Kindergarten notwendige Ausstattung, stellte der vorgesehene Betreiber des geplanten Kindergartens fest. Geht also nicht.

Zufriedenere Schüler an kleinen Schulen

In der Argumentation gegen einen Erhalt beider Grundschulstandorte in Schermbeck heißt es bisweilen, mit einem Neubau entstünden erhebliche organisatorische Vorteile. Aus Sicht der Schulleitung ist es plausibel, so zu argumentieren. Aber was ist eigentlich besser für die Schüler selbst – kleine oder große Schulen? Müsste diese Frage nicht absolut im Vordergrund stehen? Was sagen Pädagogen, Bildungssoziologen? Interessanterweise gibt es seit Jahrzehnten Forschungen und Studien zu diesem Thema.

Sämtliche Studien zum Vergleich großer und kleiner Studien zeigen, dass kleine Schulen zu einem besseren Lernerfolg bei Kindern führen als große Schulen. In kleinen Schulen sind Kinder noch dazu offenbar zufriedener und es gibt weniger Klassenwiederholer. Darüber hinaus zeigen Kinder in kleinen Schulen weniger Verhaltensauffälligkeiten als in großen Schulen. In kleinen Schulen sei der auch der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg weniger stark als in großen Schulen. Insgesamt zeigt eine überwältigende Mehrheit an Studien, dass kleine Schulen großen Schulen in vielerlei Hinsicht überlegen sind.

Keine Vorteile durch größere Schulen

Die Studien legen für Grundschulen einen Grenzwert von etwa 350 Schülern fest – ab dieser Zahl überwiegen die Nachteile für Schüler. Der Großteil der Studien misst den Erfolg der Schulen an der Lernleistung. Untersuchungen, für die andere Parameter wie Zufriedenheit, Sozialverhalten und Schulgemeinschaft im Mittelpunkt stehen, legen den Grenzwert sogar noch weitaus niedriger fest. Hier überwiegen sogar bereits bei mehr als 200 Schülern die Nachteile. Eine wissenschaftliche Studie, die positive Effekte durch eine große Grundschule oder eine Zusammenlegung von zwei kleinen Grundschulen aufzeigt, sucht man dagegen vergebens.

Grundsätzlich: Schule ist nicht einzig danach zu beurteilen, wie sie sich aus Verwaltungs- und Schulleitungssicht am effizientesten organisieren lässt. Vielmehr geht es um einen Ort, an dem Kinder einen Großteil ihrer Kindheit verbringen, ihren Charakter bilden, ihr Selbstbild entwickeln, soziale Kontakte üben und soziale Bindungen eingehen und sich sicher fühlen sollen. Kleine Schulen verbindet man damit, dass jeder jeden kennt, Kinder nicht als Nummer untergehen, sondern ihren festen individuellen Platz haben und ihre Identitäten bilden können, in der es langfristige soziale Bindungen sowohl unter den Schülern als auch zwischen Schülern und Lehrern gibt. Darüberhinaus verbinden Eltern mit kleinen Schulen auch mehr Sicherheit für ihr Kind vor modernen Risiken wie Mobbing und Gewalt. Diese Faktoren der Lernumwelt fasst die sogenannte „Positive Education“ als Faktoren für eine glückliche Entwicklung und eine anreichernde Lernumgebung zusammen.

Autonomes Lernen ist ein Experiment

Es ist einfach, mit Floskeln wie „Wir müssen in die Zukunft unserer Kinder investieren“ und „Jetzt ist die Zeit, die Weichen für morgen zu stellen“ Zuspruch zu finden. Fragt man aber genauer nach, was hinter den abgedroschenen Phrasen steckt, tritt argumentativ meist nichts wirklich Erhellendes zutage. Vielmehr fallen dann Stichworte wie „Digitalisierung“ und „moderne Pädagogik“. Aber Moment einmal, seit wann muss man für die Digitalisierung Schulgebäude neu bauen? Schauen wir nach Dorsten: Dort werden die Schulen schrittweise digitalisiert, neue Technologien kommen zum Einsatz. Ob digitale Medien auch für Grundschüler unbedingt empfehlenswert sind, steht auf einem anderen Blatt, dazu später mehr.

Im Zuge der Diskussion um eine neue Mega-Grundschule wurde zudem ein wenig klarer, was es mit den immer erwähnten „neuen pädagogischen Konzepten“ auf sich hat, die jetzt angeblich unbedingt in Schermbeck auszuprobieren sind, weil „Frontalunterricht“ ja total von gestern sei und man von heutigen Grundschülern auch nicht mehr verlangen könne, dass diese konzentriert an ihren Plätzen sitzen und dem Gesagten und Gezeigten eines Lehrers folgen.

Hinter dem sogenannten „Lernhaus“-Konzept steckt die Idee, Grundschüler könnten selbst am besten entscheiden, was sie lernen möchten. Der Lehrer wird zum Lernbegleiter, der den Fortschritt des Einzelnen beobachtet und möglichst wenig eingreift. Wer sich mit den Ursprüngen dieser „modernen“ Pädagogik beschäftigt, lernt schnell: Das Konzept des autonomen Lernens ist nicht etwa wissenschaftlich hergeleitet oder gar begleitet, sondern wurde schlicht von zwei Grundschullehrern in die Welt gesetzt: den Schweizern Jürgen Reichen und Peter Fratton. Reichen entwickelte auch die Methode „Schreiben nach Gehör“ („Schraip widu schprichsd“), die Pädagogen jahrelang bejubelten, während Eltern sie überwiegend ablehnten. Inzwischen wird die Methode allerorten wieder als nicht geglücktes Experiment ad acta gelegt. Die meisten Schüler bekommen die geltende Rechtschreibung wieder beigebracht, statt sie ignorieren zu dürfen.

Peter Fratton macht das autonome Lernen vor allem mit seinen „Häusern des Lernens“ in Deutschland populär. Ein Jahr lang half Fratton sogar der Landesregierung Baden-Württemberg als Berater bei der Auflösung bewährter Schulstrukturen. Die anfängliche Euphorie war groß, doch dann nahm die Kritik von Wissenschaftlern, Lehrern und Eltern an seinem „Lernhaus“-Konzept Überhand. Verwunderlich ist das nicht: Die Krönung der „modernen“ Pädagogik nach Fratton, die den „Häusern des Lernens“ zugrunde liegt, bilden seine „vier pädagogischen Urbitten“: „Bringe mir nichts bei. Erkläre mir nichts. Erziehe mich nicht. Motiviere mich nicht.“ Schule glücke nur, so Fratton, wenn sie sich an diesen vermeintlichen „Urbitten“ der Schüler orientiere.

Kinderpsychiater Winterhoff: Kinder lernen nicht eigenständig

Natürlich kann man die Erwartungen an Grundschüler herunterschrauben, wenn man glaubt, dass diese nicht mehr konzentriert einem „altmodischen Frontalunterricht“ folgen können. Die Frage ist nur, wo das langfristig hinführt. Kann das Lustprinzip tatsächlich immer den pädagogisch sinnvollen Weg weisen? Oder sollten Kinder nicht auch lernen, sich einmal näher mit Stoff zu beschäftigen, der ihnen vielleicht nicht sofort Spaß bereitet? Müssen Schüler nicht auch Konzentration und „am Ball bleiben“ erlernen, um später in der Ausbildung, im Studium und im Beruf ihre Ziele zu erreichen und bei Herausforderungen nicht sofort die Lust zu verlieren?

Der bekannte Kinderpsychiater und Bestsellerautor („Deutschland verdummt“) Michael Winterhoff warnt eindringlich vor dem autonomen Lernen und der Abkehr von bewährten Schulkonzepten: Eigenständiges Lernen sei Kindern nicht möglich – die Methode habe sogar einen gegenteiligen Effekt: Wenn Kinder keinen Erwachsenen haben, der sie an die Hand nimmt und ihnen den Weg zeigt, dann könne sich laut dem Facharzt ihre Psyche nicht richtig entwickeln. Das Konzept des offenen Unterrichts, in dem Kinder sich selbst aussuchen sollen, welche Aufgaben sie bearbeiten möchten, verurteilt Winterhoff scharf: „Vor die Wahl gestellt, suchen sich Kinder das aus, was sie schon können“, weiß er – so, wie es auch Erwachsene tun würden. Kurz am Rande: Ebenso interessant sind die Aussagen Winterhoffs zur angeblich notwendigen Digitalisierung von Grundschulen: „Kindergärten und Grundschulen müssen digitalfreie Oasen sein“. Anstatt Kinder zum Umgang mit digitalen Medien zu ermutigen, müsse man sie laut dem Experten sogar davor schützen.

„Lernhaus“ von Fratton: Durchfallquote bei 40 Prozent

Aber zurück zum „Lernhaus“: Fratton hat das autonome Lernen nach der „Lernhaus“-Methode natürlich auch an der von ihm selbst gegründeten weiterführenden Schule in seinem Heimatort Romanshorn eingeführt. 2012 sind 40 Prozent „seiner“ Schüler durch das Abitur gefallen. Sie hatten offenbar – ganz nach der Methode von Fratton – selbst entschieden, was sie für die Abschlussprüfung lernen möchten und was nicht. Frattons Experiment des autonomen Lernens galt seitdem als gescheitert. Umso unerklärlicher ist es, dass das bereits gefloppte „Lernhaus“-Konzept seit zwei, drei Jahren in Deutschland bei manchen Pädagogen eine Renaissance feiert – offenbar leider auch in Schermbeck. Es muss anscheinend stets herhalten, wenn es um die Modernisierung oder gar den Um- und Neubau von Schulen geht, denn in Frattons Methode sind die Klassenräume offen – genauso wie die langfristigen Folgen der pädagogischen Experimente in seinem Namen.

 

 

 

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