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Die Schaukel

1.11.2011 Reken/Schermbeck. Aus dem Leben einer Oma:  „Auke!“ Bei diesem Wort reagiere ich inzwischen mit leichtem Augenzucken und nervösem Tippen des linkes Fußes. Gleichzeitig fröstelt es mich, beim Gedanken an stundenlanges Stehen auf einem Fleck im herbstlich vernieselten Garten. Dass Schaukeln bei vielen Kindern sehr beliebt ist, ist eine schöne Angelegenheit.

Als spielerische Balanceübung fördert es sicher die Sinne unserer lieben Kleinen. Klein-Marie hat es zu ihrem Hobby erkoren. Mehr noch – es ist ihre Passion. Ihre Berufung. Ihr Heiligtum. Die Schaukel in unserem Garten wurde zum Ziel leidenschaftlicher Hingabe.

Im warmen Frühjahr erstanden mein Mann und ich bei einem Seiler eine wunderschöne Retroschaukel aus Holz. Da sie rundum geschlossen war, ierweis sie sich deal für unser Enkelkind. Schnell an das vorhandene Gestell im Garten aufgehängt, Marie reingesetzt und getestet. Es klappte vorzüglich! Dem Mädchen konnte es gar nicht wild genug sein. Jeder Erwachsene würde seekrank bei dieser Schaukelei. Wir waren glücklich. Kind war glücklich. Und ich rieb mir die Hände. Eine praktische Beschäftigung über Sommer bis Herbst war gefunden.

Ich stellte mir das so vor: Bei strahlendem Sonnenschein in lauwarmer Luft, schaukelt mein Enkelchen lieblich lächelnd vor sich hin, während ich, die Oma, auf einem Korbstuhl daneben sitze und gemütlich lese oder an meinem Roman schreibe. Vielleicht bringt der Opa mir noch einen duftenden Kaffee vorbei. So der Idealfall.

Wie man sich denken kann, kam alles anders. Zwar nahm Klein-Marie das neue Spielgerät freudig an. Schon bald aber, entwickelte sie eine Art Manie für das Schaukeln. Sie ist besessen davon! Bereits die Art wie sie es sagt, läßt reine Sucht vermuten: „AUKE!!!!!!!“ Mit weit aufgerissenen Augen. Mit tiefer gieriger Stimme. Und in einer Lautstärke, die mir Angst einjagt. „AUKE! AUKE!! AUKE!!!“ Die Hände bestimmend in Richtung Garten gerichtet. Das kleine rote Köpfchen nahe daran, zu explodieren.

Eins weiß ich inzwischen: Es gibt keinen Ausweg. Keine Ablenkung, die fruchtet. Wenn ‘AUKE!’ einmal in den Raum gerufen wurde, seufzt Oma nur noch, holt die warme Jacke, Mütze, Schal und was man sonst noch alles in dieser Jahreszeit braucht. Wir müssen raus. Ob 10 Grad oder 1 Grad. Ob Oma Lust hat oder nicht. Leider kann man ein Einjähriges nicht alleine schaukeln lassen. Leider.  Denn Oma muss ja anschubsen. Ununterbrochen. Alleine Schaukeln macht nämlich auch Klein-Marie keinen Spaß. Und weil sanftes Schaukeln nicht ausreicht, stehe ich als Frostbeule davor und schubse … schubse …schubse. (Hatte ich schon erwähnt, dass meine Schultern schmerzen?) Währenddessen denke ich an die vielen Dinge, die ich im Garten noch erledigen könnte, müsste ich nicht schubsen.

Versuche, mir die Angelegenheit bequemer zu machen, führten zu nichts als Ärger. Letztens band ich erfindungsreich ein langes Seil an den Sitz der Schaukel. Das Ende des Seils behielt ich in der linken Hand, während ich mit der Rechten etwas ungelenk in den Beeten herumgrub. Ohne das Schaukeln zu unterbrechen, natürlich. Keine gute Idee. Das Seil verfing sich im Brombeerbusch und in den Rosensträuchern. Schaukel samt Kind standen zu meinem Schrecken fast waagerecht in der Luft. Die Rettungsaktion zog sich über eine viertel Stunde hin. Nur gut, dass Marie das zu Hause nicht erzählen konnte.

Heute nahm ich auf einem Stuhl vor der Schaukel Platz und nahm mir vor, zu lesen. Unterdessen zog ich an dem Band. Für meine Nachbarn mochte das bequem ausgesehen haben. Doch abgesehen von meinen, nach einer halben Stunde eingefrorenen Händen und Füßen (2 Grad!),  monierte Marie fehlenden Schwung und Beifall. Schließlich soll Oma zwischendrin auch immer wieder klatschen und lachen. Von Bequemlichkeit also keine Rede! In meinem Hinterkopf spukte die  gesamte Zeit über die Frage: Wie bekomme ich sie wieder heraus, ohne einen Weltuntergang zu provozieren.

Es gab einen Weltuntergang. Einen kleinen. Wie jedes Mal. Man muss es mindestens in ganz Nordrhein-Westfalen gespürt haben. Ausläufer in den Teutoburger Wald sind möglich. Ab Morgen werde ich den Winter einläuten. Egal wie warm es in diesem Herbst noch wird. Und wenn ich zum Beweis meterhoch künstlich erzeugten Schnee auftürmen lasse. Denn im Winter – das steht fest – kommt die Schaukel in den Keller. Basta!

 

Heike Vullriede:
Da die kleinen Geschichten aus der Serie „Milchschnutengeschrei und Windelgepupse“ so viel Anklang finden, plane ich für die Zukunft, aus der Geschichten-Sammlung ein größeres Manuskript zu erarbeiten. Mit anderen Worten, es soll ein Buch daraus entstehen. Ich freue mich schon darauf, denn die Arbeiten für diese amüsanten Geschichten sind reinste Erholung für mich :) Nächste Woche wird ein neues Kapitel online sein. Und die Quelle meiner Inspiration – meine 3 süßen Enkel – versiegt nie! Allen Lesern, die so fleißig mein „Windelgepupse“ anklicken, wünsche ich weiterhin viel Spaß beim Lesen.

http://www.heike-vullriede.de

 

 


 
 
 
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