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Nase putzen mit Hindernissen

9.9.2011 Reken/Schermbeck (pd).Die Rekenerin ist Schriftstellerin Heike Vullriede berichtet von Ihren Erlebnissen als Tagesoma. Geschafft! Die erste Woche mit Klein-Marie. Und auch Oma ist geschafft Es war sozusagen unsere Eingewöhnungs-Probewoche. Als Klein-Marie am Montag gebracht wurde, war sie verschnupft. Eine vorherige Impfung und gewaltiges Zahnen forderten ihren Tribut. Wenn die Abwehrkräfte überfordert sind, bleibt die Erkältung nun mal nicht aus. Das Ganze brachte allerdings zwei Probleme mit sich. Zum Einen konnte ich nicht, wie geplant, mit ihr zusammen ihren neugeborenen Cousin besuchen. Zum Anderen stand ich vor einem gänzlich banalen Problem: Versuchen Sie mal, einem einjährigen Kind die Nase zu putzen! Dazu wünsche ich Ihnen viel Erfolg! Vor allem, wenn das Kleine schon weglaufen kann.

Kritiker und ganz robuste Naturen könnten natürlich sagen: Wisch so wenig wie möglich an dem Kind herum und lass es notfalls laufen! Aber wenn man das Kind mit dem Schnodder an der Nase sieht, sieht man irgendwie nur noch den Schnodder und vermisst das Kind dahinter. Also nahm ich mir spontan ein Taschentuch und setzte es arglos an Maries Nase. Ich Naivling! Das kleine Bündel Mensch drehte und wendete den Kopf wie eine flinke Eule. Keine Chance da heran zu kommen. Selbst eine überraschende Annäherung von hinten blieb erfolglos. Im Gegenteil! Jedes Mal, wenn sie mich erfolgreich abgewehrt hatte, rieb sie fleißig an ihrer Kitzelnase und verteilte, was auch immer an ihrer Nase hing, überall hin.

Ich war ratlos. Wo war sie, die langjährige Erfahrung, die ich als dreifache Mutter erworben hatte? Sollte ich an so einer Kleinigkeit, wie einer tropfenden Nase, bereits scheitern? Jetzt erst fiel mir ein, dass ich meinem Jüngsten damals sogar einen saugfähigen Stoffrest mit Druckknöpfen auf den Ärmel genäht hatte, um ihn zu überlisten. Dafür war Klein-Marie allerdings noch zu jung. Der Trick mit dem Ärmeltaschentuch funktioniert eher bei Drei- bis Fünfjährigen. Mir blieb nur hinterhältiges Auflauern, Ablenkung und das Abpassen einer guten Gelegenheit.

Mit einem Taschentuch bewaffnet hielt ich Klein-Marie ein heiß begehrtes Spielzeug hin. Meinen Schlüsselbund! Ihre Augen glänzten plötzlich wie das Metall der vielen klimpernden Schlüssel. Da war es, das Ding mit dem ich so wichtig in den Türen stocherte und sie auf wundersame Weise öffnete. Das Ding, das sie nie haben durfte. Und jetzt baumelte es verlockend vor ihrer laufenden Nase. Ich hielt es ihr von hinten vor das Gesicht. So, dass sie auf keinen Fall sehen konnte, was in meiner anderen Hand auf sie zukommen sollte. Marie griff auf der rechten Seite nach dem Schlüsselbund. Meine Hand schoss von der linken Seite mit dem Taschentuch in Richtung Näschen. Blitzschnell! Kaum merkbar.Trotzdem nicht schnell genug. Ehe ich mich versah, stand Marie vor mir. Mit Schlüssel in der Hand. Die Nase nass. Ich kniff die Augen zusammen. Dann also mit Gewalt! Das zerknüllte Taschentuch wurde zu einem Symbol meiner großelterlichen Autorität. Und Marie begriff – die Oma wollte da ein lustiges Spiel mit ihr spielen!

Ich glaube, ich habe noch nie ein Einjähriges so schnell laufen sehen. Durch die gesamte Wohnung. Und Oma stolperte hinterher. „Bleibst du wohl stehen!". Das wiederum fand Marie so witzig, dass sie kreischend vor Vergnügen immer noch schneller wurde.

Wie das so ist. Wenn ein Einjähriges sich vor Lachen kaum halten kann, kann es Oma natürlich auch nicht. Den Mittagsschlaf hatten wir uns redlich verdient, nach all der Rennerei. Klein-Marie und ich. Und die Nase? Tja – die war irgendwann trocken. Obwohl das Taschentuch seltsamerweise auch trocken war. In den nächsten Tagen wurde „Bleibst du wohl stehen!" ein sehr beliebtes Spiel zwischen uns. Insgesamt ist die Woche sehr gut verlaufen. Nur meinen Schlüssel suche ich gerade noch.

 

 


 
 
 
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